abenteuer nordinsel                                                                             13 APR 2016

Regen peitscht uns ins Gesicht. Sturm wirbelt alles umher, was sich nicht irgendwo festklammern kann. Der kurze Gang vom Van zum Toilettenhäuschen lässt sich nur mit Mühe bewältigen. Das Atmen fällt uns schwer bei diesem heftigen, kalten Wind hier oben. Dabei stehen wir noch ganz am Anfang unseres großen Abenteuers. Wir blicken durch die tropfnassen (von außen und innen) Fensterscheiben unseres schaukelnden Vans in die Dunkelheit. Jeder noch so kleine Versuch, den Vulkan oder irgendein Teil des Tongariro Gebietes zu erblicken, bleibt erfolglos. Der komplette Nationalpark liegt unter einer dicken Wolkendecke. Während die erste Helligkeit des Tages langsam das ganze Ausmaß des wütenden Sturmes preisgibt, geben wir auf und fahren davon. Einige Irre gehen trotzdem los. Dabei war gestern ein wolkenloser Tag. Sonnenschein pur, als wir in „Mordor – der Heimat des Bösen“ einen atemraubenden Spielplatz fanden. Von wegen, „Herr der Ringe“ ist nur was für Erwachsene. Auf der Suche nach Höhlentrollen und Orks erweckte unsere Phantasie Mordor zu neuem Leben…

 


Auf dem Weg zu dunklen Mächten - ein Bergerlebnis von Mirko

Links und rechts von mir war der Abgrund nur zu ahnen. Ich ging langsam und vorsichtig bergan, über 1000 Höhenmeter liegen noch vor mir. Die Luft ist kalt, doch der Schweiß läuft bereits die Stirn herunter. Ringsherum ist es dunkel. Schwarz das schroffe Vulkangestein unter meinen Schuhen, Schwarz der Sternenhimmel im Westen und nur ein erstes schwaches Hellblau hinter den steilen tiefschwarzen Lavazacken im Osten. Meine Stirnlampe wirft einen schmalen Lichtkegel. Ich bin allein hier oben, nirgends sehe ich eine weitere Lampe. Wohin weiter gehen? Waren da nicht eben noch Fußspuren? Oh nein!!! Stopp! Direkt vor mir erkenne ich den Abgrund. Ich muss zurück, einen neuen Weg suchen…

 

Heute ist „Papa-alleine-Tag“, als Ausflugsziel habe ich mir den Kratersee des höchsten Berges der Nordinsel ausgesucht, des Vulkans Mount Ruapehu. Er liegt auf ca. 2600m und es führt kein markierter Weg hinauf. Man soll sich einen Guide nehmen oder muss sich seinen Weg allein suchen. Natürlich will ich es ohne Guide versuchen. Zum Sonnenaufgang (ca. 07.30 Uhr) will ich bereits so weit oben wie möglich sein. Ich würde so den Touristengruppen mit Guide entkommen und zeitig genug zurück sein, sodass die restliche Familie nur den Vormittag allein verbringen muss. Zum Glück ist klarer Sternenhimmel, denn bei dichten Wolken oder Nebel hat man keine Chance, einen geeigneten Pfad zu finden. Weder hinauf, noch herunter. Um 05:15 klingelt der Wecker, 06:00 werde ich von Anja mit unserem Bus am letzten Parkplatz neben dem Skilift abgesetzt. Die Kinder schauen nur unter der Bettdecke hervor. Kein anderes Auto ist zu sehen und es weht ein eisiger Wind. Wir verabreden die Abholung für 14:00 Uhr. Los geht’s. Nachdem ich die ersten Höhenmeter hinter mir habe, erkenne ich deutlich, warum hier der Drehort für Mordor war. Die Silhouetten der schroffen Vorgipfel des Vulkans könnten nicht besser dazu passen. Der steile und anstrengende Aufstieg dauert knapp 2,5h. Immer wieder muss ich etwas zurückklettern und meine Route korrigieren. Dann stehe ich plötzlich auf dem schmalen Kraterrand. Was für ein Gefühl, einfach irre. Keine Menschenseele ist zu sehen. Ich bin allein auf dem Vulkan. Die wärmende Sonne kam soeben erst über die Gipfel im Osten. Vor Freude schreie ich kurz in den riesigen Krater vor mir und es hallt zurück. Etwa 1,5h lang nehme ich mir Zeit und wandere in den beiden Kratern, neben dem schwefelhaltigen Kratersee und auf dem Gletschereis herum. Und ich frühstücke endlich, bisher gabs nur Nussriegel. Dann kommen die ersten Wolken aus dem Tal herauf und ich steige zügig wieder ab. Jetzt sind die Fußspuren des „normalen“ Weges gut sichtbar. Immer noch bin ich allein. Fast am Parkplatz angekommen, nehme ich den Abstecher zur eindrucksvollen „Meads Wall“. Hier wurden viele Szenen mit den Orks gedreht und ich will kurz sehen, ob es auch für die Kinder hier schön ist. Am Nachmittag sind wir alle 4 wieder hier. Nachdem Anja mit den Kindern vier Stunden vormittags durch die Wälder, Ebenen und zu Wasserfällen wanderte, waren alle etwas müde. Doch diese Wand begeisterte uns und es dauerte nur Minuten, bis alle irgendwo herumklettern wollten oder staunend in den Abgrund schauten. Hier war Mordor - die „Böse Welt“ – zur „guten Welt“ sollte es als nächstes gehen…


Welcome to "The Shire"

Oh ja, Hobbiton ist der Besuchermagnet Nr. 1 auf der Nordinsel. Wir überlegten hin und her und entschieden uns dennoch dem Strom der Touristen zu folgen. Innerlich bereiteten wir uns auf das schlimmste vor, wurden aber positiv überrascht. Für 79NZ$ pro Erwachsenen (Kinder bis 8 Jahre frei) tauchten wir zwei Stunden in das Leben der Hobbits ein. Welcome to „The Shire“ empfing uns ein großes Schild. Und tatsächlich, hier könnte jeden Moment Frodo um die Ecke spazieren. Vorher wurden wir mehrmals gewarnt: „Keine Türen öffnen! Nicht dagegen lehnen, ihr fallt sonst hinein!“ Ihr könnt euch wohl lebhaft vorstellen, was passiert, wenn unser kleiner, wilder Willi Hobbitlöcher entdeckt – genau – gerade noch sahen wir ihn freudestrahlend in dem kleinen Vorgarten spielen und im nächsten Moment blicken uns nur noch seine Fußsohlen an. Rücklings ins Hobbitloch gefallen, hörten wir ihn schreien. Doch dieses fantastische Filmset ließ keine lange Trauerphase zu. Schon entdeckten wir die nächsten Attraktionen. 2009 wurde das „Herr der Ringe“ -Filmset Hobbiton für „Der Hobbit“ aus beständigen Materialien wieder aufgebaut und ist seitdem wohl die Hauptattraktion der Nordinsel. 44 Hobbitlöcher wurden für den Film gebaut. Bei den meisten ist 1m hinter der Tür Schluss, denn die Innenaufnahmen stammen alle aus dem Studio. Fine und Willi hatten einen riesen Spaß dabei, die vielen kleinen Wege durchs Dorf zu entdecken. Jedes Hobbitloch (Haus) wurde individuell gefertigt und ließ die Kinderaugen größer werden. Liebevolle Dekorationen entlockten uns immer wieder ein „ahhh“, „ohhh“ oder „guck ma“. In den bunten Obst- und Gemüsegärten wuchsen echte Kürbisse, Salate, Gurken, Paprika, Äpfel, Birnen, Möhren, Weintrauben, Himbeeren und saftig, süße Erdbeeren… hmmmm. Auf der Festwiese luden verschiedenste Spiele zum Mitmachen ein und am Ende gab es einen leckeren Cider (oder Bier) im urgemütlichen „The Green Dragon“ am offenen Kamin.

 


Der zweite Versuch: Tongariro Alpine Crossing

Es hätte nicht schöner sein können. Herrliches Wetter. Sonnenschein pur. Ein kostenloser Campingplatz direkt am Strand, der Bay of Plenty. Fine und Willi spielten mit Katharina und Valentina (eine deutsche Familie, mit der wir seit der Südinsel immer mal wieder ein Stück gemeinsam fahren) und pures Urlaubsfeeling lag in der Luft. Und die nächsten Tage wären nicht viel anders verlaufen (unser Weg sollte immer an der Küste Richtung Norden entlang führen), wäre da nicht dieser kleine Satz gewesen. Ein kleiner Satz am Frühstückstisch, der in ein sehr kurzes Gespräch überging und alles veränderte. „Wie weit ist es eigentlich von hier bis zum Mount Tongariro?“ – „Vielleicht 300 Kilometer, ich weiß nicht genau?“ – „Wenn wir nach dem Frühstück losfahren, könnten wir  am Nachmittag da sein.“ – „Ruf mal im Nationalpark an, wie das Wetter ist.“ – (es war gut) - „Ok, lass uns losfahren.“

 

Am nächsten Morgen klingelte unser Wecker um fünf Uhr früh und über uns leuchteten die Sterne um die Wette…

Diesmal ließen wir uns von dem eisigen, heftigen Wind nicht abhalten. Wir wussten – der sternenklare Himmel weicht in ein paar Stunden einem sonnigen Tag. Dick eingepackt bahnten wir uns den Weg durch Neuseelands ältesten Nationalpark. Die ersten 2 Stunden froren wir noch etwas, während der Weg moderat anstieg oder einfach auf Holzplanken über Sumpf führte. Der Wind blies so stark und eisig, dass Willi sich im Tragetuch versteckte (um das wir zusätzlich noch eine Decke wickelten) und nur zur Frühstückspause freiwillig heraus kroch. Wir suchten uns hinter Grashügeln Schutz und legten noch die Decke über uns, um einigermaßen frühstücken zu können. Schon bald erhellte die Sonne die ersten Felsen und wärmte uns während des weiteren Anstiegs. Über eine Stunde kletterten wir über Felsen, Stufen und zwei Lavaströmen von 1870 steil bergauf. Fine legte das Tempo und die Pausen fest. Langsam, aber stetig kamen wir vorwärts und erreichten überglücklich den Südkrater – eine große, ebene Fläche. Der Wind ließ langsam nach, die Sonne wärmte und der strahlend blaue Himmel ließ uns, trotz der Anstrengung, lächeln. Der zweite Anstieg hatte es in sich. Noch steiler ging es über loses Geröll hoch hinaus. Es schien nicht weit bis zum Gipfel, aber durch das rutschende Geröll brauchten wir eine Stunde bis zum Roten Krater. Der Geruch von Schwefel umwehte uns und verriet die Aktivität des Kraters. Wir verdienten uns eine lange Mittagspause, denn von hier aus waren es nur noch einige Schritte bis zum Gipfel des Roten Kraters und damit des höchsten Punktes des Tongariro Alpine Crossing (1.886 m). Der Blick war atemberaubend. Vulkane, Krater, Berge, Ebenen, blaue Seen, Sonne und freier Himmel. Schwefelgeruch und eine leichte Brise rundeten diese Gipfelerfahrung ab. Über loses Geröll ging es von hier wieder steil bergab und der Weg nach unten zog sich in die Länge. Tapfer und ohne Murren liefen Willi und Fine Kilometer für Kilometer. Erst kurz vor der Zielgeraden wurde unsere quasselnde Fine ganz ruhig. Trotz Themen, die ihren Schwall an Wörtern normalerweise nicht enden lassen wollen, blieb sie stumm. Willi verschwand wieder im Tragetuch und ließ sich bis zu unserem Van chauffieren. In Windeseile saßen wir dann alle auf unseren Plätzen und freuten uns auf die Belohnung – ein TOP 10 Holiday Park mit Thermal-Pool, Spielplatz und heißen Duschen.


Nur noch wenige Tage...

Unsere Zeit in Neuseeland ist nun fast vorbei. Zum Glück nahmen wir uns viel Zeit für die Nordinsel. Sie ist so wunderschön und gefällt uns besser als die Südinsel. Vulkane, Berge, Seen, Wälder, Strände, Klippen, Heiße Quellen, Farmen, Städte, Wanderwege, Flüsse, Wasserfälle, Museen und viele nette Gespräche. Klar, auch hier wurden Mittelfinger gezeigt, nackte Hintern aus fahrenden Autos gehalten und ordentlich geschimpft. Aber, wir erfuhren auch warum. Unser Gefühl täuschte uns also doch nicht. Touristen in Campern sind von einigen Leuten nicht so gern gesehen in Neuseeland. 


Freedom Camping - Schlafen für lau...

Kostenlose Übernachtungsplätze findet ihr sehr leicht in Neuseeland. Es gibt eine App „Camper Mate“, die alle freien und kostenpflichtigen Campingplätze anzeigt. Zusätzlich auch noch Supermärkte, Tankstellen, Duschen, Toiletten, usw. Dennoch solltet ihr euch auf den freien Plätzen vergewissern, dass das Übernachten dort wirklich erlaubt ist. Meist stehen Schilder vor Ort oder die Anwohner geben Auskunft. Dazu erfahrt ihr in den Kommentaren, welche Plätze gut oder schlecht geeignet sind. Stand dort, dass schon viele überfallen oder beklaut wurden oder betrunkene Einheimische nachts gegen die Camper klopfen, dann fuhren wir lieber weiter. Übernachtet ihr auf privaten Campingplätzen und schaut euch die Hauptattraktionen an, bekommt ihr davon wohl eher weniger mit. Aber dennoch, Touristen haben keinen guten Stand hier. Der Hauptgrund ist: sie hinterlassen Müll und Fäkalien in der Natur. Das bekamen wir immer wieder gesagt, egal wen wir fragten. Der andere Grund ist ein verbreitetes Vorurteil: „Diese bunten Graffiti-Campervans, das sagt ja schon alles über die Insassen aus.“ (das ist nicht unsere Meinung). Gegen die „Wicked Camper“, mit ihren provozierenden Sprüchen, läuft zur Zeit sogar eine Abstimmung im Parlament. Sie sollen die Sprüche von ihren Campern entfernen.  In einigen Städten werden sie nicht mal mehr auf die Campingplätze gelassen. In der Tat sind gerade sehr viele Deutsche hier, was sich keiner erklären kann. Die Kriminalität hat stellenweise sehr zugenommen. Selbst einheimische Camper sind vor Diebstählen nicht sicher und warnten uns vor kriminellen Banden, die gern auch mal Touristen auf bestimmten Freedom Campingplätzen in Schlägereien verwickeln.

 

Dennoch, die Nordinsel ist toll. Die Natur, auch wenn sie stark in Mitleidenschaft gezogen wird, ist fantastisch und einzigartig. Neuseeland war eine Erfahrung und wir bereuen sie nicht. Zum Weitwandern und Mountainbiken kämen wir gern noch einmal wieder.

Doch jetzt freuen wir uns auf……… INDONESIEN – BALI 


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Kommentare: 5
  • #1

    Martin P. (Mittwoch, 13 April 2016 07:21)

    Wieder mal beeindruckende Bilder mit dem passenden Bericht dazu. Vielen Dank und viel Glück & Spaß weiterhin.
    LG, Martin.

  • #2

    Opa Bernd (Mittwoch, 13 April 2016 20:38)

    Hallo Ihr 4, das ist wieder ein sehr interessanter Reisebericht, mit wunderschönen Bildern und Erlebnissen, sowie mit Erfahrungen die Ihr nur durch die Reise mit dem Campervan machen konntet.
    Ich wünsche euch nun eine gute Weiterreise und eine schöne Zeit auf Bali.

  • #3

    Detlef und Sabine (Sonntag, 17 April 2016 10:07)

    Auch wir haben natürlich alle Berichte gelesen, sind also immer auf dem neuesten Stand.....es ist immer wieder beeindruckend und natürlich etwas aufregend zugleich. Wir wünschen euch eine gute Weiterreise und erwarten euch bald in der Heimat wieder.

  • #4

    Nicole (Montag, 18 April 2016 17:28)

    Tolle ehrliche Berichte

  • #5

    Sigrid und Ralf (Donnerstag, 05 Mai 2016 15:45)

    Wieder einmal ein fantastischer Bericht , als wäre man dabei gewesen. Soviele Erinnerungen, Abenteuer und Erlebnisse ! Wir sind immer wieder begeistert, wie ihr es schafft, die Länder so authentisch und ehrlich zu beschreiben. Echt Klasse !!! Bleibt alle gesund und Küsschen