BALI

16.04.2016 - 01.05.2016

Wir gönnen uns noch einmal ein paar Tage „Urlaub vom Reisen“, bevor es auf die letzte aufregende Etappe unserer Weltreise geht. Bali beginnt für uns im abgelegenen Westen. Der Strand ist hier nicht für Touristen vorbereitet. Die Jugend fährt Moped im Sand und der Abfall aus den Dörfern und aus der Meeresströmung der Java-Straße wird hier täglich mit anderem Treibgut angespült. Die Leute leben einfach damit. Der Kontrast folgt dann im Süden, der Touristenecke. Gut untergebracht, ohne Organisierungsdrang lassen wir hier unsere Gedanken schweifen – denken über unser Familienleben nach…

 


Unsere gedanken

Noch einen Monat reisen – zehn Monate liegen hinter uns. Welche Gedanken gehen uns heute durch den Kopf? Angst? Freude? Unsicherheit? Kommen wir in unserer alten Heimat an, sind wir immer noch wohnungslos. Kita und Schule sind lediglich „reserviert“ – unsere selbstständige Arbeit können wir wieder aufnehmen oder auch nicht. Wir sind frei – selbst in Deutschland. Wollen wir überhaupt wieder nach Deutschland zurück? Nach Dresden? Wenn wir etwas ändern wollen in unserem Leben, dann jetzt. Noch ist alles möglich. Der perfekte Zeitpunkt. Es stand uns die ein oder andere neue Tür offen. Aber muss man denn alles anders machen nach so einer Reise? 

Hier treffen zwei völlig gegensätzliche Meinungen aufeinander. Während Anja sofort bereit gewesen wäre einen ganz neuen Schritt zu gehen, hängt Mirko sehr an seiner Heimat. Dennoch müssen wir eine Entscheidung treffen und lassen unsere Gedanken in den letzten Tagen immer öfter um unsere Zukunft kreisen. Eine gewisse Nervosität kommt auf. Sind wir schon wieder im alten Trott? Wir fühlen uns ein wenig wie vor der Reise, wenn wir an Deutschland denken – irgendwie gefangen, eingeengt, festgefahren. Viel lieber reden wir über kommende Abenteuer, die wir in der großen weiten Welt noch erleben könnten. Ihr merkt es – unsere Gedanken sind noch sehr wirr und wir sind unschlüssig, wie es weiter gehen soll.


wie lebten wir im letzten jahr?

Einfach. Wir wohnten in einfachen Unterkünften – immer in einem Zimmer – meist alle in einem Bett. Wir hatten uns 24 Stunden am Tag – waren stets auf engstem Raum zusammen. Wir teilten uns mit einer Vielzahl von Ungeziefer unsere Schlafstätten – und das seit Russland, über die Mongolei und Hongkong, durch Südostasien, bis hin nach Australien und Neuseeland. Unser Tagesablauf war geprägt durch Einkaufen, Organisieren und Spielen. Leider gab es da einiges zu organisieren – Schlafplätze, Essen, Zug-, Bus-, und Flugtickets, die weitere Route, Geld – und das alles günstig und kindgerecht. Ein Aufwand, den wir völlig unterschätzten. Die restliche Zeit bestand aus Spielen. Wenn alles organisiert war und unsere Mäuse schliefen, dann blieb auch mal Zeit für uns – zum Nachdenken, Reflektieren, Schreiben, Fotos sortieren oder einfach nur zum Quatschen. 

Homestay: Palmwedel - Hütte im Mekong Delta
Homestay: Palmwedel - Hütte im Mekong Delta

was fehlte uns - worauf freuen wir uns?

Eigentlich reicht uns der Inhalt unserer zwei Rucksäcke zum Leben. Alles andere ist Luxus. Weder Kleider, noch Schuhe oder Spielzeug vermissten wir. Dennoch gibt es einige Dinge, auf die wir uns sehr freuen, wenn wir wieder in Deutschland sind:

  • Familie und Freunde
  • warmes, geruchfreies Wasser
  • eine ameisenfreie Wohnung
  • Schränke, in denen unsere Klamotten sortiert liegen
  • sonntags Tatort schauen, Theaterbesuche und Kino
  • regelmäßiger Sport

 

Anders als vermutet, fehlte uns das gute alte deutsche Schwarzbrot gar nicht so sehr. Dafür war das asiatische Essen einfach viel zu lecker. Nur in Australien und Neuseeland kam uns „unser“ gesundes Brot wieder in den Sinn. Dennoch freuen wir uns riesig auf eine eigene Küche und gesunde Mahlzeiten. Ohne E-Stoffe, Geschmacksverstärker und Konservierungsstoffe.

 

Und Selbstverwirklichung…

 

Wir spüren es, je länger wir unterwegs sind und je mehr Anregungen auf uns einwirken: Wir wollen endlich wieder selbst etwas anpacken, beruflichen Erfolg haben und viele neue Ideen umsetzen. Denn was bringt man denn außer einem familiären Benefit von so einer Reise noch mit? Es sind die vielen Beobachtungen, wie die Menschen anderswo ihr Geld verdienen, welche Ideen sie haben, wieviel Tageszeit sie mit ihrer Arbeit verbringen und unsere eigenen Ideen, die in kreativen Momenten entstanden. 

Was für ein "Patent" - seit Jahrhunderten unverändert und bewährt.
Was für ein "Patent" - seit Jahrhunderten unverändert und bewährt.

was werden wir vermissen?

Ganz klar. Wir werden das freie Leben vermissen. Einfach machen was uns gefällt und was uns in diesem Moment gut tut. Wir werden es vermissen, keiner Norm entsprechen zu müssen. Das warme Wetter wird uns fehlen und wahrscheinlich unsere Gesundheit – bis auf eine kleine Erkältung in Russland und Neuseeland und Durchfall in Bali, waren wir alle immer gesund.

 

Wir werden die Freundlichkeit auf dieser Welt vermissen – die wunderbaren Menschen in Australien, Südostasien, Russland und der Mongolei. Kinderfreundlichkeit und Offenheit – da haben viele Deutsche großen Nachholbedarf.

Wenn wir so darüber nachdenken, dann wird uns vieles fehlen, was unserer Seele gut tut. Fine und Willi konnten sich wunderbar und frei entwickeln. Sie wurden in keine Formen gepresst – erfuhren, dass Kinder etwas Wunderbares sind in anderen Kulturen – das Wichtigste und Wertvollste – und dementsprechend willkommen und geliebt. Willi kennt kein anderes Leben. Was wird er wohl denken, wenn ihn niemand mehr zurück grüßt auf der Straße? Die Verkäuferin grimmig guckt, statt zu fragen, wie es ihm geht? Die Bedienung im Restaurant die Augen verdreht, statt mit ihm zu spielen? Oh ja, wir werden die sie wirklich sehr vermissen – die Freundlichkeit außerhalb von Deutschland.

Und wir werden die Einstellung der Australier vermissen: „Das Reisen bildet unsere Kinder mehr, als so manches Schulfach.“ Was haben wir uns wohlgefühlt unter all den langzeitreisenden Familien. Die Schulen sind dort so ausgelegt, dass Kinder ohne Probleme mit ihren Eltern auf Reisen gehen können. Meist noch mit Oma und Opa im Schlepptau. Das entging natürlich auch unserer Fine nicht. In ihrem Kopf plant sie schon die nächsten langen Reisen – natürlich mit Omas und Opas. Mindestens einmal pro Woche fragt sie, warum das denn in Deutschland nicht geht und wer uns das verbieten kann. Ja, wer eigentlich? 

Überall das gleiche - lange blonde Kinderhaare...
Überall das gleiche - lange blonde Kinderhaare...

das liebe geld...

Es gibt viele Familien die aussteigen – ein Leben auf Reisen führen mit all diesen wunderbaren Vorteilen. Auch wir durften ein Jahr lang diesen Luxus „frei sein“ erleben. Natürlich ist dabei ein großes Thema – das liebe Geld. Zwar ist unsere Art des Reisens immer noch günstiger, als ein Leben in Deutschland, aber dennoch müssen die Mittel dafür auch „übrig“ sein und irgendwie verdient werden. Es gibt so viele Blogs von Familien, die einfach unterwegs „hängengeblieben“ sind, aber es wird dabei nicht klar, wie sie dieses Leben finanzieren. Die Themen Einkommen, Sparen und Wechselgeld sind gerade sehr aktuell bei uns und einer 6-jährigen in all seiner Komplexität nicht immer leicht zu erklären.

Unsere Ersparnisse neigen sich dem Ende – wir haben diese nicht in die Anzahlung eines Eigenheims gesteckt, sondern gegen etwas Unbezahlbares eingetauscht – für unsere Familienzeit – und die bleibt uns für immer, unpfändbar – dafür teilbar!

 

Eine genaue Auflistung der Kosten einer Familien-Weltreise gibt´s am Ende unserer Reise.

Kommentar schreiben

Kommentare: 7
  • #1

    Jens aus Leipzig (Freitag, 29 April 2016 21:44)

    Wie immer habt ihr toll geschrieben dass ihr gemeinsam in Familie erlebt habt! Das kann euch wirklich keiner nehmen. Trotzdem kann ich auch eure Bedenken sehr wohl teilen. Wir hoffen ihr habt in Deutschland wieder einen guten Start und ehrlich gesagt so schlecht ist es ja auch nicht es gibt viele freundliche Menschen sie müssen nur gefunden und geweckt werden viele Grüße aus Leipzig wünschen euch Jette, Juliane und Jens

  • #2

    Cathleen aus Punkewitz (Sonntag, 01 Mai 2016 11:02)

    Hallo Ihr Weltenbummler ,
    Von Anfang an verfolge ich eure Weltreise und bin jedesmal gefesselt von euren Reiseberichten. Toll was ihr bis jetzt alles erlebt habt - Respekt und Bewunderung -
    Auch eure Kinder sind so süß und unbefangen - einfach rührend. Wir sind auch eine Familie mit 2 Kindern und für mich wäre so eine Reise unvorstellbar, aber was ihr mit euren beiden Kindern alles erlebt habt und noch erleben werdet - Wahnsinn .
    Ich bin über Jens Hoppe auf eure Seite aufmerksam geworden ( wir sind verwandt ☺️) und freue mich schon auf den nächsten Reisebericht von euch. Bis dahin noch viele schöne Erlebnisse und kommt gesund nach Deutschland zurück . Liebe Grüße Cathleen

  • #3

    Oma Mone (Sonntag, 01 Mai 2016)

    Das war ein ganz toller Bericht mit vielen offenen Fragen in Eueren Köpfen, hat mich schon sehr berührt !

  • #4

    Sigrid (Donnerstag, 05 Mai 2016 16:23)

    Hallo meine Lieben, beim Lesen eures Berichtes sind immer wieder ein paar Tränen über mein Gesicht gepurzelt. Ich war emotional so berührt von diesen tiefgründigen Gedanken.....Manchmal bekommt man im Laufe des Lebens Angst, weil man ganz plötzlich alles aus ganz anderen Perpektiven sieht. Nun schaut mal zurück auf das letzte Jahr, welche enorme Vielfalt von Lebensformen, Menschen, Perspektiven und Möglichkeiten .....ihr wahrgenommen habt. Jeder muss das erst einmal für sich selbst verarbeiten und sortieren. Man beginnt nachzudenken. Alles zu hinterfragen. Und das ist gut so ! Das ist eine riesige Chance für euch vier und auch für euch als Familie ! Jeder ist selbst verantwortlich für sein Leben, egal wo auf dieser Welt. Ich bin mir ganz sicher, das die Erfahrungen und Erlebnisse zukunftsorierend sein werden. Bringt eure neue Energie, eure Weltoffenheit und eure neuen Ideen mit nach Hause und steckt uns bitte an. Ich bin so stolz auf euch ❤️. Alles liebe Mami

  • #5

    Martin P. (Sonntag, 08 Mai 2016 14:52)

    Liebe Familie Nemitz,

    ich bin schon sehr gespannt auf unser erstes Treffen, irgendwann, nachdem ihr wieder zurück seid. Bis dahin wünsche ich euch noch eine beeindruckende Schlussetappe. Beste Grüße, Martin

  • #6

    anne tauth (Sonntag, 15 Mai 2016 20:12)

    Ja, auch die längste Reise geht zu Ende. Ich hatte eineWanderreise in Südengland und war über die Freundlichkeit der Engländer erstaunt. Für mich ergibt sich nach all eurer Freiheit, wie verkraften und erleben die Kinder die neue , strukturierte Zeit in KIKA und Schule. Macht doch daraus auch noch einen Blog. Liebe Grüße auch an Dich Simone.

  • #7

    Lysann und René Schurat (Samstag, 11 Juni 2016 00:37)

    Hallo ihr Weltenbummler,
    Mit Freude haben wir euren Blog verfolgt. Wenn wir eure Zeilen lesen, geht es und grad ganz ähnlich, obwohl es doch so anders ist. Vor knapp einem Jahr sind wir nach England gegangen, weil sich die berufliche Chance ergeben hat. Wir bringen wie ihr so viele Eindrücke mit, dass uns manchmal ganz schwindelig wird. Für uns heißt es jetzt ebenfalls Abschied nehmen, in 6 Wochen geht es zurück nach Deutschland - mit einem lachenden und einem weinenden Auge. Wir werden definitiv die Freundlichkeit vermissen, die vielen offenen Menschen, die ohne Vorbehalte interessiert an unserer Geschichte waren. Wenn wir jetzt an unsere Rückkehr denken, macht es uns etwas Angst; wird es so wie früher oder doch anders? Wie haben wir uns verändert? Auch wenn dieser Schritt vor einem Jahr so viel Mut gekostet hat - wenn man eben eine vierköpfige Familie bedenkt und keinen Alleingang - wir haben alle so sehr davon profitiert. Vor ein paar Tagen haben wir die Kinder gefragt - ja, sie würden so einen Schritt mit uns wieder gehen... Wir sind so stolz auf uns und ihr könnt so stolz auf euch sein, dass ihr euch euren Traum verwirklicht habt und ungemein viel Zeit miteinander verbringen konntet.
    Herzlichen Dank, dass ihr uns an eurer Familienzeit habt teilhaben lassen. Alles Gute, ganz liebe Grüße :)